Presse 2022

Göttinger Kulturkalender Februar 2022

Musikalische Geburtstagsfeier im Clavier-Salon
Gerrit Zitterbart begeistert mit Klaviersonaten von Franz Schubert

Eine besonders herzliche Begrüßung erwartet die Geburtstagsgäste im Clavier-Salon. Über eine so nette Gesellschaft, bekundet Gerrit Zitterbart, hätte sich Schubert wahrscheinlich gefreut. Die konzertante Feier mit zwei Klaviersonaten von Franz Schubert verbindet der musikalische Gastgeber wie so oft auch gern mit einer kleinen Zeitreise, um sein Publikum ein bisschen hellhöriger für das Konzertprogramm und für historische Klangbilder zu machen, die er in seinem Clavier-Salon pflegt.

An dem Flügel von 1825, von einem anonym gebliebenen Klavierbauer, auf dem Zitterbart die beiden A-Dur Sonaten spielen wird, hätte Schubert vermutlich gerne komponiert. Nachweislich soll er zeit seines Lebens überhaupt nur einen Flügel besessen haben, wie der Sammler historischer Tasteninstrumente erzählt. Er beschreibt ihn als alt, abgehalftert und überholt und als sogenannten Oldtimer von 1800, an dem über lange Jahre viele der Werke entstanden, die bei seinen Konzertabenden an Instrumenten erklangen, wie sie in Wien damals en vogue waren.

Für seine musikalische Widmung zum 225. Geburtstag von Franz Schubert in A-Dur hat Gerrit Zitterbart eine frühe und eine späte Klaviersonate ausgewählt. Neun Jahre liegen zwischen den beiden Werken, mit denen er nicht nur den unglaublichen Reifeprozess eines jungen Komponisten nachzeichnet, sondern auch mit der Liedform ein prägendes Merkmal Schubertscher Klangkunst am Klavier. In heiter anmutenden und melodischen Variationen erklingt das Thema in der A-Dur Sonate von 1819 mit kleinen dramatischen Nuancen. Im Andante erfahren die Motive im zweiten Satz eine melancholische Färbung, ohne dass sich die Stimmung in einer wehmütigen Tragik verliert, sondern dann auch in den zarten Figurinen aufhorchen lässt. Schon in dieser frühen Sonate betont Zitterbart in Schubert den reflektierenden Klangmaler in seiner subtilen Zeichensprache. Da beschwingen die Motive im Allegretto wie Klangfantasien, die eine impulsive Wendung nehmen, in kleinen Wirbeln und Figurinen aufblühen oder wie ein spontanes kleines Feuerwerk aufflammen, bis Schubert sie wieder zur Ordnung zu rufen scheint. Noch will das Lied „Licht sein“, wie es in einem Gedicht des spanischen Dramatikers und Lyrikers Federico Garcia Lorca heißt. Doch schon in dieser frühen Sonate klingen bereits die tragischen Mollschattierungen an, die Schubert auch in seinen Liederzyklen so leidenschaftlich und virtuos veredelte.

Impulsiven Charakter hat auch der dramatische Auftakt in Schuberts später A-Dur Sonate Opus posthum mit einer Fülle an kontrastierenden Motiven und Stimmungen, so als ob sich hier ein Sturm von Gedankensplittern zusammenbraut, den es in Freiräume treibt, in denen der harmonische Fluss ständig gebrochen wird. Es sind Klangbilder, die an eine wilde, zerklüftete Gebirgslandschaft erinnern, mit dem Pianisten als Gipfelstürmer, dem nur wenige Momente des Verweilens vor der nächsten dramatischen Wendung vergönnt sind. Schon dieses Allegro verdient den Beinamen furioso, doch Schubert hat sich wenige Monate vor seinem Tod in dieser Sonate auch in den gespenstischen Dimensionen seines Pandämoniums gewidmet. Der langsame Satz sei für ihn der Mittelpunkt des Stückes, hatte Gerrit Zitterbart in seiner Einführung erklärt, dass sich in diesem Andante die Erde auftue und die Hölle sichtbar werde. Schon bald verwandelt sich das schlichte Lied mit einem Hauch von Tragik, Düsternis und Einsamkeit in ein Klanginferno, in dem die Arpeggien und die mächtigen Akkorde nur noch zu wüten scheinen, bis es zu einem letzten zarten melodischen Seufzer kommt. Dem tänzerisch aufmunternden Scherzo mit dem Allegro vivace lässt Zitterbart auch einen zwiespältigen Charakter erklingen, so als umspiele Schubert hier die existenziellen Wogen noch einmal charmant und nur ab und an mit einem Hauch von Dramatik nuancierend. Das tragische Lied des zweiten Satzes darf dann im Rondo noch einmal Licht sein. Auch im Allegretto erinnert der Pianist wieder an den reflektierenden Klangmaler, daran wie er bis zuletzt aus einer wunderbaren Fülle von Ideen und Fantasien schöpfte und auch aus melodischen Glücksmomenten mit dieser A-Dur Sonate eine Symphonie für Klavier komponierte.
Tina Fibiger

Göttinger Kulturkalender Januar 2022

Begegnung musikalischer Wahlverwandter

Die Freundschaft zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms stand im Mittelpunkt des Konzertes mit Juliane Witt (Violine), Matthias Fiedler (Violoncello) und Xinzhu Li (Klavier) im Clavier-Salon.
Es war mehr als eine innige Freundschaft, die Clara Schumann und Johannes Brahms über lange Jahre verband. So bietet auch ihr musikalischer Dialog viel Stoff für einen Konzertabend. Aber es ist vor allem der Blick auf zwei musikalische Persönlichkeiten, den Juliane Witt, Matthias Fiedler und Xinzhu Li im Clavier-Salon von Gerrit Zitterbart werfen.
Als die gefeierte Pianistin und Komponistin Robert Schumann zum Geburtstag ihr g-Moll Klaviertrio widmete, kannte sie Brahms noch nicht. Dessen zweite Sonate für Violoncello und Klavier entstand wiederum in einer Zeit, als die gemeinsame Verbindung brüchig geworden war. Mit dem Hinweis, das Programm eher getrennt zu sehen, begrüßte Gerrit Zitterbart das Konzertpublikum im Clavier-Salon. Die beiden Namen verbinde sehr viel, die Werke dieses Abends seien Kammermusik par excellence.
Xinzhu Li und Matthies Fiedler lassen Brahms den Vortritt mit dem stürmischen Dialog, in den sich Klavier und Cello begeben und die Motive in ihren dramatischen und lyrischen Kontrasten erkunden. Immer wieder kommt es zu eruptiven Ausbrüchen mit Akkordkaskaden und wilden Läufen, die oft von der melodischen Stimme des Cellos besänftigt werden – um dann erneut auszutreiben, bis es zu diesen Momenten inniger Zwiesprache kommt. In der musikalischen Reflektion über all die expressiven Kontraste und ihre zarten Variationen verbindet Xinzhu Li und Matthias Fiedler ein wunderbar harmonierendes Miteinander.
Allegro vivace ist der erste Satz überschrieben, aber das passionato, das Brahms für den dritten Satz anmerkte, pulst durch alle vier Sätze, wie eine Leidenschaft, die sich aufbäumt, manchmal elegisch schwelgt und dabei auch den kontemplativen Raum ersehnt. Mit dem sanften Fluss einer Melodielinie, die den nächsten eruptiven Gefühlsklangsturm zwischen Klavier und Cello entfacht.
Unglaubliche 40 Jahre liegen zwischen der F-Dur Sonate, die Brahms 1886 komponierte und Clara Schumanns einzigem Klaviertrio, das 1846 entstand. Aber schon mit den ersten Takten des Allegro Moderato widersprechen Juliana Witt, Matthias Fiedler und Xinzhu Li im Grunde dem Hinweis von Gerrit Zitterbart, die Werke des Abends eher getrennt zu sehen. Fast singend schwebt die Melodie herbei, die schon bald dramatisch expressiv befeuert wird, als ob es an diesem Abend mit Clara Schumann und Johannes Brahms zu einer Begegnung musikalischer Wahlverwandter kommt. Es enthalte einige hübsche Stellen, soll die Komponistin über ihr Trio behauptet haben. Es sei auch in der Form ziemlich gelungen – um gleichzeitig anzumerken, dass es immer Frauenzimmerarbeit bleibe, bei denen es immer an der Kraft hie und da an der Erfindung fehle. 
Umso enthusiastischer können jetzt die drei Musiker:innen ihr widersprechen, wenn sie aus dem Facettenreichtum der Motive schöpfen, in denen es zu inspirierenden Dialogen zwischen Violine, Cello und Klavier kommt und sie gemeinsam eine musikalische Landschaft voller Überraschungen durchstreifen. Im Scherzo des zweiten Satzes, an den sich ein Tempo di Menuetto anschließt, umgibt ein Hauch von Grazie die beschwingende Stimmung. Und so bewegend, wie im Andante die großen Emotionen aufbäumen, bekunden die drei Musiker:innen auch hier dieses beseelte passionato, das zuvor bei Brahms erklungen war.
Virtuos bestürmen sich Klavier und Violine in einem hinreißenden Dialog, den Clara Schumann ihnen mit dem 4. Satz widmete, um das Allegro mit einem lyrischen Intermezzo zu verweben, das wie ein musikalisches Echo auf Goethes „verweile doch“ anmutet. Cello, Geige und Klavier besingen eine gemeinsame Vision für ein kraftvoll leuchtendes Finale mit wunderbar berauschender Wirkung. Kammermusik par excellence.
Tina Fibiger

Göttinger Kulturkalender Januar 2022

Das ganz persönliche Andante - Musikalische Neujahrsgrüße mit Gerrit Zitterbart

Traditionell grüßt der Pianist Gerrit Zitterbart sein Publikum im Clavier-Salon zum neuen Jahr. In diesem Jahr standen Kompositionen von Schubert, Mendelssohn Bartholdy und Chopin im Mittelpunkt.

Mit einem musikalischen Feuerwerk lässt sich das neue Jahr natürlich wunderbar feiern. Doch in seinem Clavier-Salon pflegt Gerrit Zitterbart eine Tradition, die diese aufmunternde Stimmung mit allen guten Wünschen zum neuen Jahr auch mit kontemplativen Farben versieht. Gern verweilt er in seinen musikalischen Neujahrgrüßen bei Kompositionen von Schubert, Mendelssohn Bartholdy und Chopin, in die er sich über lange Zeit und in so vielen Konzerten in der musikalischen Reflektion vertieft hat.

In Franz Schuberts Ges-Dur Impromptu zum Auftakt des Abends hat es den Anschein, als ob Gerrit Zitterbart zu seinem ganz persönlichen Andante gefunden hat. Kristallklar entfaltet sich das Thema mit den perlenden Läufen. Die tragischen Zwischentöne, die sich in Schuberts Impromptus immer wieder leidenschaftlich aufbäumen, erfahren eine fast schon platonisch anmutende Erdung, wie sie den pulsierenden Klangstrom beleben und kontrastieren. Tänzerisch beschwingt dann das Allegro vivace f-Moll aus den Moments musicaux. Auch im As-Dur Impromptu betont Zitterbart die bewegenden, aufrührenden Akzente in all den temperamentvollen Farben, die mit ihren dramatischen und elegischen Nuancen impulsive Gefühlsstürme entfachen.
Fast eine Wiederentdeckung verbindet sich bei diesem Neujahrskonzert im Clavier-Salon mit Robert Schumanns Kinderszenen, die ja vor allem als Stoff für Klavierschüler:innen vertraut sind. In der Sammlung von musikalischen Momentaufnahmen einer kindlichen Alltags-und Fantasiewelt lässt Gerrit Zitterbart an seinem Érard-Flügel von 1886 eine faszinierende Fülle expressiver Miniaturen aufleuchten, die sich wie kleine kompositorische Geistesblitze aneinanderreihen und dann auf das Schönste oft ganz spontan überraschen.
Für die Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy hat der Pianist diesmal kaum kontemplativen Farben gewählt. Anders als auf seinem mittlerweile ausgemusterten zarten Wornum-Flügel, an dem die Motive wie auf dunklem Samt gebettet erklangen, sind es jetzt vor allem die Spannungsverhältnisse und die dynamischen Energien, in die sich Zitterbart an seinem Érard vertieft. Mit einem schwungvollen Andante con moto und einem Andante expressivo, dass nicht im melancholisch anmutenden Fluss verweilt. Ein Hauch von Pathos durchdringt die Melancholie des Poco agitato-Liedes und auch den sanften Fluss im Venetianischen Gondellied, das nicht nur durch sanft fließende Gewässer gleitet.
Mit Chopin und seinem Impromptu As-Dur schenkt Gerrit Zitterbart seinem Neujahrspublikum dann doch ein musikalisches Feuerwerk und auch ein artistisches Vergnügen, das sich in den vier Mazurken fortsetzt. Das lässt sich zum Konzertfinale auch gern noch einmal leidenschaftlich dramatisch mit dem Impromptu cis-Moll bestürmen und mit Chopins Minutenwalzer auf ein neues Jahr einstimmen. Mit inspirierenden musikalischen Aussichten im ¾-Takt auf die nächsten Konzerte im Clavier-Salon.
Tina Fibiger