Presse 2023

Göttinger Kulturkalender Januar 2023

Entdeckungen mit kleinen Schätzen

Information

Kompositionen von Ludwig van Beethoven waren bislang eine Rarität in den traditionellen Neujahrskonzerten von Gerrit Zitterbart. Anders verhält es sich mit ebenso bewegenden Stimmungsbildern von Franz Schubert, die am Abend nach der Silvesternacht immer wieder zum kontemplativen Innehalten einladen.

Diesmal wollte Zitterbart das musikalische Jahr 2023 mit zwei seiner Lieblingskomponisten begrüßen und mit ihnen aus einem musikalischen Fundus schöpfen, wie er in Konzerten nur selten anklingt. Ebenso gern schöpft der Göttinger Pianist dabei wie ein Musikforscher aus historischen Quellen und Anmerkungen. Sie ranken sich eben auch um die vielen kleinen Schätze, die Beethoven und Schubert neben den bekannten großen Werken hinterlassen haben.

Schon zum Auftakt mit Beethovens »Andante grazioso con moto« kündigt der Musiker eine „ganz spezielle Geschichte“ an, bei der der Komponist einen ursprünglich sehr ausgedehnten langsamen Satz aus einer Klaviersonate herausgestrichen habe. Wiederum entzückte der musikalische Gast bei Gesellschaften sein Wiener Publikum mit diesem Andante, das den Zusatz „Favori“ bekam, weil es immer wieder gewünscht wurde und nun seine heiter beschwingende Wirkung im Fluss der melodischen Fantasien im Clavier-Salon entfaltet.

Das vermögen auch die musikalischen Notizen, die dann viele Jahr später der fast ertaubte Wiener Maestro als Zufallstücke betrachtete und zu „Bagatellen“ erklärte. Bei den ersten drei an diesem Neujahrsabend handelt es sich um freundschaftliche Widmungen, die Beethoven wie kleine Portraitskizzen für Gäste, Freunde und Weggefährten entworfen hatte, die jetzt kurzweilig erfrischen im Clavier-Salon anklingen. 

Zitterbart macht auch bei der Sammlung von Bagatellen op. 126 hellhörig für den Ideenreichtum des Komponisten, der weiter pulsierte nur eben anders als 15 Jahre zuvor, als sein Gehör ihm den Kontakt zur Außenwelt noch nicht verweigerte. Ein Thema wird angespielt, wieder verworfen oder mit einem neuen Thema kontrastiert. Es gibt impulsive Übergänge zwischen dramatisch expressiven Passagen und zarten Klangfiguren und melodischen Fantasien. Zitterbart merkt an, dass ihnen das Gefühl von Sonatenkomplexität und die Stringenz in der Entwicklung fehle, um dann an seinem historischen Wiener Flügel mit den Bagatellen aus einen faszinierend vielfarbigen Klangpanorama zu schöpfen. Das »Andante con moto« wird zur anmutigen Momentaufnahme, geprägt von feinsinnigen musikalischen Reflektionen, die einfach austreiben dürfen. Ein weiteres Andante nimmt den Charakter einer Elegie an, ohne dass sich der tragische Tenor vertiefen muss. Bei Beethovens »Presto« überrascht dann nach dem dramatischen Aufruhr an Akkorden unmittelbar ein heiterer Galopp, während die E-Dur-Bagatelle (nämlich der erste Satz der Klaviersonate op.109) wie eine Einladung für zwei melodische Stimmen klingt, die eine Zeit miteinander verbringen und sich dabei für Momente wie Echostimmen begegnen.

Aus Franz Schuberts Todesjahr stammen die drei Preziosen, die Gerrit Zitterbart anstelle der vertrauten Impromptus seinem Publikum zum musikalischen Neujahr im Clavier-Salon entdecken wollte. Wieder erfolgt der Hinweis auf den disparaten Charakter der Stücke und die fehlende Stringenz, was ähnlich wie bei Beethoven auf spontan und impulsiv kontrastierende Klangskizzen deutet, die in diesen nachgelassenen Klavierstücken ihre faszinierende Wirkung entfalten. 

Wieder ist es ein Aufruhr unterschiedlichster Klangfarben und Stimmungen, die enthusiastisch ausschwärmen, um dann in kontemplativen Regionen zu verweilen und erneut auszuschwärmen. Ein meditatives Andante kann mit harmonischen Wohlklängen verschmelzen und eine unerwartet feierliche Stimmung heraufbeschwören und die dramatische Emphase unmittelbar in eines dieser Klangbilder einfließen, mit denen Schubert seine tragischen Sehnsuchtsträume musikalisch verwebte. 

Es ist eine besondere, in manchen Momenten fast verzweifelt anmutende Aufbruchstimmung, die sich in den nachgelassenen Klavierstücken entlädt und darin auch mit Beethoven korrespondiert. Beide Komponisten skizzierten und imaginierten unter erschwerten Bedingungen und improvisierten dennoch weiter mit Mut und Leidenschaft über ihre musikalischen Fantasien und mit der Aussicht auf einen weiterhin unerschöpflichen Klanghorizont. Diese Aussicht teilt Gerrit Zitterbart im Bündnis mit zwei seiner Lieblingskomponisten für ein weiteres musikalisches Jahr, bei dem zum Auftakt statt der Meisterwerke die kleinen Preziosen funkelt.

Tina Fibiger