Presse 2022

Göttinger Kulturkalender Juli 2022

Tarte Tatin in Tönen

Halbzeit der »ClavierTage Göttingen 2022«

Seit 2017 richtet Gerrit Zitterbart, Gründer des Clavier-Salons, alljährlich im Sommer zusätzlich die ClavierTage Göttingen aus, in deren Fokus jeweils das Werk eines Komponisten (die Damen fehlen bis dato) steht; in diesem Jahr ist dies Johannes Brahms. Von Klavier solo über Gesang/Klavier, Bläsertrios, den Violin- und Cellosonaten bis hin zum Streichquartett, Klaviertrios und -quintett wird ein reicher Querschnitt aus dem Kammermusikwerk des Komponisten präsentiert. Dies Konzert vom Sonntag markiert den Abschluss der ersten Hälfte der diesjährigen ClavierTage. 

Friederike Starkloff (Violine/1. Konzertmeisterin der NDR Radiophilharmonie) und Gerrit Zitterbart (Klavier) eröffnen den Abend mit Brahms dritter, zugleich letzter Sonate für Violine und Klavier d-Moll op. 108. Für den zweiten Teil erweitert Leonid Gorokhov (Professor an der HMTM Hannover) zusammen mit seinem Violoncello für die Aufführung des H-Dur-Klaviertrios das Duo zum Trio.
So beglückend es ist, als musikalischer Dilettant nach der erzwungenen Pause wieder in größerer Besetzung spielen/singen zu können, so gibt es gewisse Nachteile. Zwei, drei Minuten nach Beginn der Violinsonate wünsche ich mir kurz lieber bei den ersten beiden Konzerten, statt bei eigenen Proben gewesen zu sein… aber wir wollen nicht klagen. Wer weiß, wer es hört?
Der Raum der reformierten Kirche ist dem Grundriss nach sowie mit dem reichlich verbauten Holz ein genial günstiger Raum für Kammermusik. (Mit dem für Kirchenräume kurzen Nachhall zugleich ein akustisch empfindlicher Raum, wenn die Damen und Herren am Instrument ihre Sache nicht verstehen. Davon kann an diesem Abend allerdings keine Rede sein.) Fabelhaft präzise lassen sich die einzelnen Instrumente verfolgen, doch zugleich entsteht ein ausgeglichener Gesamtklang. Natürlich zuallererst Verdienst der MusikerInnen, doch ein bisschen hilft beiläufig die Technik: auch in Form des Klaviers. Ein großes Verdienst des Clavier-Salons - die technische, damit klangliche Vielfalt der Klaviere hörbar zu machen - kommt in diesem Jahr in Form eines Flügels von Baptist Streicher, Wien 1870, daher. Wieviel filigraner, wieviel charmanter im Bass, wieviel weniger schrill im Diskant klingt das gute Stück als die Flügelschlachtschiffe der neuen Zeit. Vor allen Dingen jedoch gibt es in der Kammermusik mit einem Instrument wie diesem keinerlei Balanceprobleme! - Dass Johannes Brahms von 1868 bis zum seinem Tode ebenfalls einen Streicher-Flügel spielte, ist da ein besonderes Schmankerl.
Gibt‘s einen Brahms-Sound? Ja, unbedingt! Ein glutwarmer, voller, satter Ton; mittlere Lage, zumeist. Als Farbe irgendwas zwischen den Braun- und Grüntönen des Herbstes. Das dickflüssige Karamell einer Tarte Tatin; Butter statt Margarine.
Schon nach den ersten Takten der Violinsonate umfängt einen dieser zarte, leicht verhangene Klang. Friederike Starkloff und Gerrit Zitterbart lassen gleichwohl sich von diesem Zauber nicht selbst berauschen, bleiben alle Zeit sehr präzise in der rhythmischen sowie dynamischen Gestaltung. Besonders berühren die sich plötzlich öffnende  g a n z  andere Tonwelt der Durchführung des ersten sowie die Doppelgriffpassage der Geige im samtigen Gesang des zweiten Satzes. Unruhe, rhythmisch wie melodisch, prägen den finalen vierten Satz, der schließlich in donnerndem Moll endet; unendlich weit entfernt vom tastenden, zaghaften Beginn der Sonate. Diesen weiten Bogen zu spannen und auszufüllen, gelingt den beiden ganz hervorragend.
Die Entstehungsgeschichte des Klaviertrios H-Dur op. 8 referiert Zitterbart zu Beginn des Konzertes - im Alter von zwanzig Jahren entstand die Frühfassung, welche Brahms 35 Jahre später einer gründlichen Umarbeitung und Kürzung unterzog, lediglich das Scherzo erfuhr nur geringfügige Bearbeitungen. - Gibt es irgendjemanden, den der Beginn des ersten Satzes nicht verzaubert? Vermutlich ja; die Leute möchte ich aber nicht kennenlernen. 
Leonid Gorokhov streicht seine Cellokantilene dermaßen innig, doch kraftvoll zugleich in den Raum: schöner kann es kaum noch werden. Klug disponiert das Trio aber die Kräfte und Lautstärken, um dem Themenwiedereintritt in der Reprise das nötige Gewicht zu verleihen.
Menschen bei dem, was sie können zu zusehen/zuhören ist i.a. eine große Freude, heute Abend bildet keine Ausnahme. Wie fein abgestimmt die Kommunikation zwischen den Dreien stattfindet, ist ein großes Erlebnis. Melodiebögen werden bruchlos übergeben, so als gäbe es nur „ein“ Instrument; die Übergänge zwischen Abschnitten sind prägnant herausgearbeitet; die gesamte Palette der möglichen Lautstärke wird genutzt und es entsteht ein nachdrücklicher Ensembleklang. Vielleicht am schönsten in den Eingangstakten des langsamen, dritten Satzes, wenn das Nacheinander von Klavier vs. Streicher zum Gemeinsamen wird? Zuvor hat das stürmische Scherzo die elegische Stimmung des ersten Satzes rasch hinweggefegt. Die donnernde Tutti-Dur-Passage dort ist einfach großartig geschrieben – und gespielt! Das turbulente Presto agitato des Finales dreht schließlich in trotziges Moll, wobei die drei MusikerInnen bei aller Ekstase nie die Kontrolle verlieren.
Ein traumschönes Werk traumhaft dargeboten. Was will man mehr? - Vielleicht einmal einen Abend mit Frühfassung (Brahms hat sie nicht vernichtet, was er sonst vielfach tat) und  Spätfassung? - Eine Zugabe hätte das sichtlich mitgerissene Publikum vermutlich nicht gestört, aber es folgen ja noch drei Konzerte bei den ClavierTagen.
 

Bjørn Steinhoff

Göttinger Tageblatt Juli 2022

Schlankheitskur für Johannes Brahms

Kammermusik in der Reformierten Kirche: Start der fünften Göttinger „ClavierTage“

Mit Duos und Trios von Johannes Brahms haben am Freitag die fünften Göttinger „ClavierTage“ begonnen: kammermusikalische Delikatessen im zauberhaften Ambiente der Reformierten Kirche. Die ClavierTage sind das sommerliche Festival, das Gerrit Zitterbart, Göttinger Pianist und als Betreiber des Clavier-Salons ausgewiesener Sachverständiger für historische Instrumente, vor fünf Jahren zum ersten Mal veranstaltet hat. Der Flügel, den er diesmal ausgesucht hat, steht in enger Beziehung zu Brahms: ein Instrument des Wiener Instrumentenbauers Baptist Streicher aus dem Jahr 1870. Einen solchen Flügel hat Brahms in Wien besessen und gespielt - es dürften also genau solche Klänge gewesen sein, die Brahms bei seinen Kompositionen im Ohr gehabt hat. Und dieser Klang unterscheidet sich in der Tat erheblich von dem moderner Instrumente. Das hängt vor allem mit zwei Besonderheiten der Bauart zusammen: Die Hämmer sind nicht mit Filz, sondern mit Leder bezogen. Und der Rahmen besteht nicht aus Metall, sondern aus Holz. Damit können die Saiten nicht so straff gespannt werden wie bei Steinway, Bösendorfer oder Bechstein, der Klang ist daher zarter, weniger bassintensiv, längst nicht so majestätisch oder gar donnernd. Die Lederbespannung macht den Ton ein wenig flacher. Der Brahms’sche Klaviersatz klingt auf einem Streicher-Flügel, als habe er gerade eine Schlankheitskur gemacht. Nicht verschwiegen sei, dass hier und da die Durchsichtigkeit in den Mittelstimmen verringert ist: Fundamenttöne sind deutlich, ebenso Spitzentöne im Diskant und das ohne jede Aufdringlichkeit. Doch wenn sich dazwischen ein schnelles Figurenwerk ereignet, scheint das klanglich bisweilen von unten und oben verdeckt zu werden. Auf jeden Fall verändert sich das Verhältnis zwischen Streichern und Klavier erheblich. Die Streicher haben - auch dank der dafür besonders gut geeigneten Akustik der Reformierten Kirche - überhaupt keine Probleme, sich gegen das Klavier durchzusetzen. Dies ist eine sehr gleichberechtigte Kammermusik. Dafür hatte Pianist Zitterbart zwei exquisite Musikerkollegen engagiert: den Cellisten Leonid Gorokhov, Professor an der hannoverschen Musikhochschule, und Friederike Starkloff, die Konzertmeisterin der NDR Radiophilharmonie Hannover. Dass Zitterbart, Gorokhov und Starkloff seit Langem aufeinander eingespielte Kammermusikpartner sind, war an diesem Abend von Anfang an zu spüren. Auf dem Programm standen drei Werke, die Brahms alle im Sommer 1886 komponiert hat und die insofern eine biografische Einheit bilden: die Cellosonate F-Dur op. 99, die Violinsonate A-Dur op. 100 und das Klaviertrio c-Moll op. 101. Trotz der zeitlichen Nähe sind diese drei Stücke aber ausgewiesene Individuen, deren unterschiedliche Physiognomien die Musiker klar konturierten. In der Cellosonate stehen Leidenschaft und Temperament im Vordergrund, in der Violinsonate auffallend viel Zärtlichkeit, im Klaviertrio wiederum die Auseinandersetzung der vereinten Streicher mit dem (trotz seines schlankeren Klanges) machtvollen Klavier. Es war schön zu erleben, mit welcher Hingabe alle drei Musiker musizierten, wie genau sie einander zuhörten, wie sie sich in den musikalischen Dialogen austauschten und gegenseitig inspirierten. Wunderschön die großen melodischen Bögen, die Friederike Starkloff auf ihrer Violine blühen ließ, mitreißend die rhythmische Kraft, die Leonid Ghorokov in der Cellosonate entfaltete, bestechend die Leichtigkeit, mit der Gerrit Zitterbart auch den vollgriffigsten Klavierpassagen jene lastende Schwere nahm, mit der Brahms sonst so gern charakterisiert wird. Die rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörer klatschten begeistert.

Michael Schäfer


Göttinger Kulturkalender Februar 2022

Musikalische Geburtstagsfeier im Clavier-Salon
Gerrit Zitterbart begeistert mit Klaviersonaten von Franz Schubert

Eine besonders herzliche Begrüßung erwartet die Geburtstagsgäste im Clavier-Salon. Über eine so nette Gesellschaft, bekundet Gerrit Zitterbart, hätte sich Schubert wahrscheinlich gefreut. Die konzertante Feier mit zwei Klaviersonaten von Franz Schubert verbindet der musikalische Gastgeber wie so oft auch gern mit einer kleinen Zeitreise, um sein Publikum ein bisschen hellhöriger für das Konzertprogramm und für historische Klangbilder zu machen, die er in seinem Clavier-Salon pflegt.

An dem Flügel von 1825, von einem anonym gebliebenen Klavierbauer, auf dem Zitterbart die beiden A-Dur Sonaten spielen wird, hätte Schubert vermutlich gerne komponiert. Nachweislich soll er zeit seines Lebens überhaupt nur einen Flügel besessen haben, wie der Sammler historischer Tasteninstrumente erzählt. Er beschreibt ihn als alt, abgehalftert und überholt und als sogenannten Oldtimer von 1800, an dem über lange Jahre viele der Werke entstanden, die bei seinen Konzertabenden an Instrumenten erklangen, wie sie in Wien damals en vogue waren.

Für seine musikalische Widmung zum 225. Geburtstag von Franz Schubert in A-Dur hat Gerrit Zitterbart eine frühe und eine späte Klaviersonate ausgewählt. Neun Jahre liegen zwischen den beiden Werken, mit denen er nicht nur den unglaublichen Reifeprozess eines jungen Komponisten nachzeichnet, sondern auch mit der Liedform ein prägendes Merkmal Schubertscher Klangkunst am Klavier. In heiter anmutenden und melodischen Variationen erklingt das Thema in der A-Dur Sonate von 1819 mit kleinen dramatischen Nuancen. Im Andante erfahren die Motive im zweiten Satz eine melancholische Färbung, ohne dass sich die Stimmung in einer wehmütigen Tragik verliert, sondern dann auch in den zarten Figurinen aufhorchen lässt. Schon in dieser frühen Sonate betont Zitterbart in Schubert den reflektierenden Klangmaler in seiner subtilen Zeichensprache. Da beschwingen die Motive im Allegretto wie Klangfantasien, die eine impulsive Wendung nehmen, in kleinen Wirbeln und Figurinen aufblühen oder wie ein spontanes kleines Feuerwerk aufflammen, bis Schubert sie wieder zur Ordnung zu rufen scheint. Noch will das Lied „Licht sein“, wie es in einem Gedicht des spanischen Dramatikers und Lyrikers Federico Garcia Lorca heißt. Doch schon in dieser frühen Sonate klingen bereits die tragischen Mollschattierungen an, die Schubert auch in seinen Liederzyklen so leidenschaftlich und virtuos veredelte.

Impulsiven Charakter hat auch der dramatische Auftakt in Schuberts später A-Dur Sonate Opus posthum mit einer Fülle an kontrastierenden Motiven und Stimmungen, so als ob sich hier ein Sturm von Gedankensplittern zusammenbraut, den es in Freiräume treibt, in denen der harmonische Fluss ständig gebrochen wird. Es sind Klangbilder, die an eine wilde, zerklüftete Gebirgslandschaft erinnern, mit dem Pianisten als Gipfelstürmer, dem nur wenige Momente des Verweilens vor der nächsten dramatischen Wendung vergönnt sind. Schon dieses Allegro verdient den Beinamen furioso, doch Schubert hat sich wenige Monate vor seinem Tod in dieser Sonate auch in den gespenstischen Dimensionen seines Pandämoniums gewidmet. Der langsame Satz sei für ihn der Mittelpunkt des Stückes, hatte Gerrit Zitterbart in seiner Einführung erklärt, dass sich in diesem Andante die Erde auftue und die Hölle sichtbar werde. Schon bald verwandelt sich das schlichte Lied mit einem Hauch von Tragik, Düsternis und Einsamkeit in ein Klanginferno, in dem die Arpeggien und die mächtigen Akkorde nur noch zu wüten scheinen, bis es zu einem letzten zarten melodischen Seufzer kommt. Dem tänzerisch aufmunternden Scherzo mit dem Allegro vivace lässt Zitterbart auch einen zwiespältigen Charakter erklingen, so als umspiele Schubert hier die existenziellen Wogen noch einmal charmant und nur ab und an mit einem Hauch von Dramatik nuancierend. Das tragische Lied des zweiten Satzes darf dann im Rondo noch einmal Licht sein. Auch im Allegretto erinnert der Pianist wieder an den reflektierenden Klangmaler, daran wie er bis zuletzt aus einer wunderbaren Fülle von Ideen und Fantasien schöpfte und auch aus melodischen Glücksmomenten mit dieser A-Dur Sonate eine Symphonie für Klavier komponierte.
Tina Fibiger

Göttinger Kulturkalender Januar 2022

Begegnung musikalischer Wahlverwandter

Die Freundschaft zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms stand im Mittelpunkt des Konzertes mit Juliane Witt (Violine), Matthias Fiedler (Violoncello) und Xinzhu Li (Klavier) im Clavier-Salon.
Es war mehr als eine innige Freundschaft, die Clara Schumann und Johannes Brahms über lange Jahre verband. So bietet auch ihr musikalischer Dialog viel Stoff für einen Konzertabend. Aber es ist vor allem der Blick auf zwei musikalische Persönlichkeiten, den Juliane Witt, Matthias Fiedler und Xinzhu Li im Clavier-Salon von Gerrit Zitterbart werfen.
Als die gefeierte Pianistin und Komponistin Robert Schumann zum Geburtstag ihr g-Moll Klaviertrio widmete, kannte sie Brahms noch nicht. Dessen zweite Sonate für Violoncello und Klavier entstand wiederum in einer Zeit, als die gemeinsame Verbindung brüchig geworden war. Mit dem Hinweis, das Programm eher getrennt zu sehen, begrüßte Gerrit Zitterbart das Konzertpublikum im Clavier-Salon. Die beiden Namen verbinde sehr viel, die Werke dieses Abends seien Kammermusik par excellence.
Xinzhu Li und Matthies Fiedler lassen Brahms den Vortritt mit dem stürmischen Dialog, in den sich Klavier und Cello begeben und die Motive in ihren dramatischen und lyrischen Kontrasten erkunden. Immer wieder kommt es zu eruptiven Ausbrüchen mit Akkordkaskaden und wilden Läufen, die oft von der melodischen Stimme des Cellos besänftigt werden – um dann erneut auszutreiben, bis es zu diesen Momenten inniger Zwiesprache kommt. In der musikalischen Reflektion über all die expressiven Kontraste und ihre zarten Variationen verbindet Xinzhu Li und Matthias Fiedler ein wunderbar harmonierendes Miteinander.
Allegro vivace ist der erste Satz überschrieben, aber das passionato, das Brahms für den dritten Satz anmerkte, pulst durch alle vier Sätze, wie eine Leidenschaft, die sich aufbäumt, manchmal elegisch schwelgt und dabei auch den kontemplativen Raum ersehnt. Mit dem sanften Fluss einer Melodielinie, die den nächsten eruptiven Gefühlsklangsturm zwischen Klavier und Cello entfacht.
Unglaubliche 40 Jahre liegen zwischen der F-Dur Sonate, die Brahms 1886 komponierte und Clara Schumanns einzigem Klaviertrio, das 1846 entstand. Aber schon mit den ersten Takten des Allegro Moderato widersprechen Juliana Witt, Matthias Fiedler und Xinzhu Li im Grunde dem Hinweis von Gerrit Zitterbart, die Werke des Abends eher getrennt zu sehen. Fast singend schwebt die Melodie herbei, die schon bald dramatisch expressiv befeuert wird, als ob es an diesem Abend mit Clara Schumann und Johannes Brahms zu einer Begegnung musikalischer Wahlverwandter kommt. Es enthalte einige hübsche Stellen, soll die Komponistin über ihr Trio behauptet haben. Es sei auch in der Form ziemlich gelungen – um gleichzeitig anzumerken, dass es immer Frauenzimmerarbeit bleibe, bei denen es immer an der Kraft hie und da an der Erfindung fehle. 
Umso enthusiastischer können jetzt die drei Musiker:innen ihr widersprechen, wenn sie aus dem Facettenreichtum der Motive schöpfen, in denen es zu inspirierenden Dialogen zwischen Violine, Cello und Klavier kommt und sie gemeinsam eine musikalische Landschaft voller Überraschungen durchstreifen. Im Scherzo des zweiten Satzes, an den sich ein Tempo di Menuetto anschließt, umgibt ein Hauch von Grazie die beschwingende Stimmung. Und so bewegend, wie im Andante die großen Emotionen aufbäumen, bekunden die drei Musiker:innen auch hier dieses beseelte passionato, das zuvor bei Brahms erklungen war.
Virtuos bestürmen sich Klavier und Violine in einem hinreißenden Dialog, den Clara Schumann ihnen mit dem 4. Satz widmete, um das Allegro mit einem lyrischen Intermezzo zu verweben, das wie ein musikalisches Echo auf Goethes „verweile doch“ anmutet. Cello, Geige und Klavier besingen eine gemeinsame Vision für ein kraftvoll leuchtendes Finale mit wunderbar berauschender Wirkung. Kammermusik par excellence.
Tina Fibiger

Göttinger Kulturkalender Januar 2022

Das ganz persönliche Andante - Musikalische Neujahrsgrüße mit Gerrit Zitterbart

Traditionell grüßt der Pianist Gerrit Zitterbart sein Publikum im Clavier-Salon zum neuen Jahr. In diesem Jahr standen Kompositionen von Schubert, Mendelssohn Bartholdy und Chopin im Mittelpunkt.

Mit einem musikalischen Feuerwerk lässt sich das neue Jahr natürlich wunderbar feiern. Doch in seinem Clavier-Salon pflegt Gerrit Zitterbart eine Tradition, die diese aufmunternde Stimmung mit allen guten Wünschen zum neuen Jahr auch mit kontemplativen Farben versieht. Gern verweilt er in seinen musikalischen Neujahrgrüßen bei Kompositionen von Schubert, Mendelssohn Bartholdy und Chopin, in die er sich über lange Zeit und in so vielen Konzerten in der musikalischen Reflektion vertieft hat.

In Franz Schuberts Ges-Dur Impromptu zum Auftakt des Abends hat es den Anschein, als ob Gerrit Zitterbart zu seinem ganz persönlichen Andante gefunden hat. Kristallklar entfaltet sich das Thema mit den perlenden Läufen. Die tragischen Zwischentöne, die sich in Schuberts Impromptus immer wieder leidenschaftlich aufbäumen, erfahren eine fast schon platonisch anmutende Erdung, wie sie den pulsierenden Klangstrom beleben und kontrastieren. Tänzerisch beschwingt dann das Allegro vivace f-Moll aus den Moments musicaux. Auch im As-Dur Impromptu betont Zitterbart die bewegenden, aufrührenden Akzente in all den temperamentvollen Farben, die mit ihren dramatischen und elegischen Nuancen impulsive Gefühlsstürme entfachen.
Fast eine Wiederentdeckung verbindet sich bei diesem Neujahrskonzert im Clavier-Salon mit Robert Schumanns Kinderszenen, die ja vor allem als Stoff für Klavierschüler:innen vertraut sind. In der Sammlung von musikalischen Momentaufnahmen einer kindlichen Alltags-und Fantasiewelt lässt Gerrit Zitterbart an seinem Érard-Flügel von 1886 eine faszinierende Fülle expressiver Miniaturen aufleuchten, die sich wie kleine kompositorische Geistesblitze aneinanderreihen und dann auf das Schönste oft ganz spontan überraschen.
Für die Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy hat der Pianist diesmal kaum kontemplativen Farben gewählt. Anders als auf seinem mittlerweile ausgemusterten zarten Wornum-Flügel, an dem die Motive wie auf dunklem Samt gebettet erklangen, sind es jetzt vor allem die Spannungsverhältnisse und die dynamischen Energien, in die sich Zitterbart an seinem Érard vertieft. Mit einem schwungvollen Andante con moto und einem Andante expressivo, dass nicht im melancholisch anmutenden Fluss verweilt. Ein Hauch von Pathos durchdringt die Melancholie des Poco agitato-Liedes und auch den sanften Fluss im Venetianischen Gondellied, das nicht nur durch sanft fließende Gewässer gleitet.
Mit Chopin und seinem Impromptu As-Dur schenkt Gerrit Zitterbart seinem Neujahrspublikum dann doch ein musikalisches Feuerwerk und auch ein artistisches Vergnügen, das sich in den vier Mazurken fortsetzt. Das lässt sich zum Konzertfinale auch gern noch einmal leidenschaftlich dramatisch mit dem Impromptu cis-Moll bestürmen und mit Chopins Minutenwalzer auf ein neues Jahr einstimmen. Mit inspirierenden musikalischen Aussichten im ¾-Takt auf die nächsten Konzerte im Clavier-Salon.
Tina Fibiger