Presse 2020


Göttinger Tageblatt 2. Januar 2020

Unerhörte Klänge auf historischen Instrumenten

Neujahrskonzert mit Gerrit Zitterbart zum Thema Beethoven

Von Michael Schäfer


Gerrit Zitterbart zwischen dem Wiener Flügel von 1825 (links) und dem Nachbau eines Anton-Walter-Flügels von 1795

Göttingen. Das Beethoven-Jahr 2020 hat der Pianist Gerrit Zitterbart am Mittwoch mit einem themagerechten Neujahrskonzert eingeleitet. Im gut besuchten Clavier-Salon am Stumpfebiel stellte er den rund 60 Besuchern Werke von Beethoven an drei historischen Instrumenten vor.

Gut zwei Stunden Musik umfasste sein abwechslungsreiches Programm, von liebenswürdig bis pathetisch, von gefälligen Stücken mit geringerem technischen Anspruch bis hin zu ausgewachsener Virtuosenkunst in den drei populären Sonaten, die inhaltlich die Schwerpunkte setzten: die „Pathétique“ op. 13, die Sonata quasi una fantasia op. 27 Nr. 2, die unter dem Namen „Mondscheinsonate“ geläufig ist, und die dem Grafen Waldstein gewidmete Sonate C-Dur op. 53, die deshalb auch gern „Waldstein-Sonate“ genannt wird.

Aufgelockert war die Vortragsfolge von vier Stücken, die nur selten bis nie im Konzertsaal zu hören sind. Den Anfang machten die frühen Variationen über die Arie „Nel cor più non mi sento“ von Paisiello, gefolgt von der leichtgewichtig-liebenswürdigen Sonatine g-Moll op. 49 Nr. 1, dem Albumblatt a-Moll mit dem volkstümlichen Namen „Für Elise“ - wobei dieser Titel möglicherweise auf einen Lesefehler der etwas krakeligen Schrift Beethovens zurückgeht.

Sozusagen als Vorwort zur „Waldstein-Sonate“ schließlich diente das „Andante favori“, das ursprünglich als langsamer Satz eben dieser Sonate fungierte, der übergroßen Gesamtlänge wegen aber von Beethoven später aus der Sonate entfernt und als Einzelstück veröffentlicht wurde.

All diese Informationen lieferte Zitterbart in seiner kundigen, unterhaltsamen Moderation und erläuterte auch die Entwicklungen im Klavierbau, mit denen sich Beethoven im Laufe seines Lebens auseinandersetzte. Weil Zitterbart genau solche Instrumente in seinem Salon aufgestellt hat, konnten die Zuhörer diese Erläuterungen gleich hörend nachvollziehen.

Die Paisiello-Variationen präsentierte er auf einem 1802 gebauten englischen Tafelklavier von John Broadwood, etwas gewöhnungsbedürftig in seinem vergleichsweise zart-dünnen Klang, dafür aber mit einer klaren Linienzeichnung, die im Sound des modernen Flügels vom Filz der Hammerköpfe gleichsam aufgeweicht wird.

Deutlich anders strukturiert ist der Klang des Anton-Walter-Hammerflügels, ein Nachbau nach einem Original von 1795: Auf diesem Instrument wirkt die fast gleichzeitig komponierte Pathétique viel heller, nicht so dumpf-titanisch, wie wir es von heutigen Konzertflügeln gewöhnt sind. Auch die „Mondscheinsonate“ profitiert erheblich von dem silbrig-transparenten Ton des Walter-Flügels, die Musik hat weniger Bodenhaftung, kann durchaus auch einmal schwerelos im Raume schweben.

Für das Andante favori und die Waldstein-Sonate wählte Zitterbart zum Schluss einen Wiener Flügel von 1825, dessen Erbauer nicht überliefert ist. So ähnlich dürften Beethovens Zeitgenossen diese Musik kennengelernt haben – die hörbar gemachte Rückbesinnung auf diese „unerhörten“ Klänge rückt das von der späteren Romantik geprägte Beethoven-Bild zurecht.

Die Konturen dieser in Teilen äußerst anspruchsvollen Musik zeichnete Zitterbart sehr klar nach, auch wenn hier und da Kleinigkeiten nicht ganz korrekt waren. Viel wesentlicher aber ist es, wie konsequent der Pianist die Beethovenschen Ausdruckseigenheiten gestaltet, mit welcher punktgenauen Präsenz er Akzente setzt, Kontraste schärft, die Entschlossenheit und Kraft des Komponisten in seinem Spiel widerspiegelt, dem man auch seine jahrzehntelange Erfahrung in der Ausbildung des pianistischen Nachwuchses immer wieder anmerkt. Am Ende gab es lang anhaltenden, begeisterten Applaus - und keine Zugabe, was nach einem derart kräftezehrenden Programm durchaus nachvollziehbar ist.