Presse 2019

Göttinger Kulturkalender Juni 2019

Variatio delectat

 
„Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn[?]“ Der Geheime Rat hätte diesbezüglich an diesem Tage in Weimar bzw. Südniedersachse bleiben können. Zumindest was die Temperaturen betrifft. Zu Konzertbeginn, um 19.45h, ist es, sagen wir, lauschig warm. Das Innere des kleinen Clavier-Salons ist, auch ohne moderne Klimatechnik, erstaunlich angenehm. Für innere Wärme werden indessen Programm und Interpretin sorgen.
Fünf sehr unterschiedliche Werke von fünf Komponisten hat Maria Yulin, ehemalige Studentin bei Gerrit Zitterbart, sich ausgesucht; aus dem Portfolio der möglichen Klaviere ist die Wahl auf den Bechstein-Flügel von 1890 gefallen.
So unterschiedlich die Stile der fünf Werke sind, ist es sicherlich sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, das ideale Instrument zu finden. Programmhälfte Zwei, mit Ravel und Brahms, ist wie gemacht für den weichen, vollen Klang des Bechsteins. Bei der ersten Hälfte sieht es anders aus: Haydns Sonate wäre mit dem quecksilbrigen Klang eines Hammerklaviers sicherlich besser bedient, zu Bartoks Sonate dürfte ein Instrument mit deutlich ausgeprägterem perkussivem Charakter passen. Nur zu Johann Sebastian Bach passt alles, was Tasten hat.
Abwechslung gefällt – zumindest, wenn man, wie Maria Yulin, so mühelos zwischen den verschiedenen „Sprachen“ und „Dialekten“ hin und herwechseln kann. Die Lesung aus dem „Alten Testament“ (v. Bülow) mit Präludium & Fuge fis-Moll (BWV 883 / Wohltemperierte Klavier Bd. II) bildet das Kernstück der drei Werke vor der Pause. Sehr kontrolliert, klar und durchsichtig gestaltet Yulin besonders die dreistimmige Fuge. Allerdings war ich beim Hören immer noch vom langsamen Satz der zuvor das Konzert eröffnenden Haydn-Klaviersonate derart bezaubert, dass die Konzentration für Bach ein wenig zu wünschen übrig ließ…
Béla Bartóks Sonate (1926, Sz. 80) lässt Ablenkung dagegen nicht zu: Schlagzeuggleich werden die Akkorde in die Tasten gehämmert. Jeder der drei Sätze wird von einem je eigenen durchgängigen Grundrhythmus getragen, die Taktarten wechseln dabei munter-erratisch hin und her. Maria Yulin bringt das keineswegs aus der Fassung, eisern setzt sie Betonungen, bringt das Motorische der Ecksätze glänzend zur Geltung. Der dritte Satz könnte problemlos als Filmmusik zu Chaplins „Modern Times“ dienen. So technisch-virtuos die Tempoverschärfungen sind, so volksliedhaft-fröhlich der Schlusssatz sich gibt - Rastlosigkeit, Unruhe, Hatz sind die die treffenden Subjektive zur Beschreibung. Die Schlusssteigerungen der Ecksätze disponieren die Interpretin gekonnt, verschießt ihr Pulver nicht zu früh. Und sie behält, obwohl die Musik anderes nahelegt, schlussendlich die Kontrolle über die komponierte Explosion, welche Bartók wohl im Sinne hatte. – Der schwere, langsame Satz erscheint in solcher Umgebung umso düsterer. (Der Komponist hat diese Sonate für einen Imperial Bösendörfer mit vollständiger Subkontraoktave geschrieben. Einige Töne im zweiten Satz sind folglich auf einem „normal“ großen Flügel gar nicht spielbar.)
Von Haydns Sonate As-Dur, Hob. XVI:46, war schon kurz die Rede. Häufig im Konzert wird sie nicht gespielt, die drei Sätze folgen dem erprobten Schema schnell-langsam-schnell. Das schließende Presto, wie die Sitte es verlangt, ganz als heiterer, bewegter Kehraus geplant, geschrieben und auch so vorzüglich gespielt. (Welch andere Motorik jedoch, verglichen mit Bartóks Sonate!) – Was den Rezensenten aber so besonders bezaubert, das ist der zweite Satz: Ein Adagio im 3/4-Takt, die linke Hand beginnt alleine. Achtel über liegender Dreiviertelnote. Unspektakulär. Der gute Haydn, am 31. Mai vor 210 Jahren gestorben, hat nun die einfache und geniale Idee die letzte Achtel in Takt 1 & 2 durch Achtelanbindung zu verlängern. Obwohl das Metrum, die Betonung scheinbar glasklar durch das ¾ vorgeschrieben sind, schwebt die Musik durch diese Überbindung in ganz leichter Unschärfe durch Zeit und Raum. Maria Yulin trifft diesen Punkt perfekt!
Ganz unerwartet ergeben sich außerdem so Berührungspunkte zu Maurice Ravels Une barque sur l‘ócean (aus „Miroirs“, 1906). „Vom Pedal eingehüllt“ schreibt der Komponist über die Noten, „in weichem Rhythmus“. Dabei sind der Noten so viele, dass man Schwierigkeiten hat, beim Lesen zu folgen. Vom Spielen ganz zu schweigen. Das könnte man als Bravourangeberstück in die Tasten hauen - Gott sei Dank tut Fr. Yulin dies nicht. Das Gemälde in Tönen zaubert sie wundervoll raffiniert und elegant in das Instrument. Die Klänge wechseln bruchlos ihre „Farbe“, mit unendlich subtilen Übergängen. Wenn bei Bartók und Brahms der Flügel vielleicht noch „lauter“ gespielt wurde – hier, mit diesem Werk, wirkt er am größten. Wenig verwunderlich ist das Stück schon von Ravel selbst für Orchester gesetzt worden – ein Klavier allein scheint für diese Fülle nicht zu genügen. Heute Abend kommt dieser Gedanke nicht auf.
Zum Abschluss die zweite der drei Klaviersonaten aus dem Schaffen Johannes Brahms. Das op.2, fis-Moll, entstand 1854. Gerade einmal 21 Jahre ist der junge Mann da; in die Zeit fällt auch die Begegnung mit Clara und Robert Schumann. Der erste Satz beginnt wie ein Klavierkonzert ohne Orchester. Nach dem Klangzauber der „Barque“ wirken die Klangtürme des ersten Satzes auf mich ein wenig ‚gewollt‘. Aber da können weder Komponist noch Interpreten etwas dafür. Erst das Scherzo sowie der largamente-Teil im Finale der viersätzigen Sonate lenken die Konzentration wieder völlig auf Brahms. Besonders die Einteilung der Kräfte, die Anläufe zu den Höhepunkten überzeugen. Hier hat jemand mit sehr viel Übersicht die Darbietung der Sonate geplant – und gespielt.
Allzu zu zahlreich war der Publikumszuspruch leider nicht; desto kräftiger der Applaus. Dank dafür eine bezaubernde Zugabe. Aus den Prélude op.11 von A.N. Skrjabin die Nr. 15, ein Lento in Des-Dur. Großartige Nachtmusik, in aller Schlichtheit. Schönheit ohne alle Kraft. Maria Yulin hatte ganz vergessen, den Titel zu nennen, so muss ich am Konzertende mich erkundigen. Aber das macht gar nichts. Wenn man nicht weiß, was kommt, ist die Freude am Gelungenen desto größer. - Für einen nächsten Abend in Göttingen mit ihr vielleicht: Die gesamten „Miroirs“, Skrjabins op.11 und ein wenig Bach?
Aus dem Golf von Sorrent dringt am späten Abend die Kunde in den Norden: 12°C weniger als in Südniedersachsen. Zeit für einen Limoncello.
Björn Steinhoff