Lob vom Altmeister (Göttinger Tageblatt April 2015)
Kabarettist Willnauer spielt und singt Werke von Georg Kreisler im Clavier-Salon
Er ist kein Wiener, nicht einmal Österreicher und nach eigenem Bekunden nur Klavierspieler, kein Pianist. Dennoch tourt der Kabarettist Jörg-Martin Willnauer – 1957 in Heidelberg geboren, seit 1981 in Graz ansässig – mit Liedern von Georg Kreisler. Und er hat dazu sozusagen auch die Genehmigung des 2011 gestorbenen Altmeisters des Chansons: Kreisler hat Willnauer für die Interpretation seiner Lieder sogar brieflich gelobt.
Ob Willnauer dieses Lob bei seinem Auftritt am Sonnabend im voll besetzten Clavier-Salon unbedingt hätte vorlesen müssen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall beherrscht der Wahl-Grazer eine Fülle der gut 500 hinterlassenen Lieder Kreislers hervorragend. So gut, als seien es eigene.
Schön, dass er um die meisten Kreisler-Hits einen Bogen machte. Weder der Musikkritiker noch das Triangel noch die Tango tanzenden alten Damen standen auf seinem Programm. „Tauben vergiften“ war die einzige Konzession an die Wiederhörens-Sehnsucht. Stattdessen präsentierte Willnauer eine Fülle von weniger bekannten Liedern, die immer wieder eine erstaunliche Aktualität beweisen, auch wenn sie meist schon mehrere Jahrzehnte alt sind. Etwa „Ich fühl mich nicht zu Hause“ aus den„Nichtarischen Arien“ von 1963, ein ergreifend-vergnügliches Lied über Heimatlosigkeit, oder „Das Begräbnis der Freiheit“ aus „Rette sich, wer kann“von 1976, das heute vielleicht aktueller ist als damals. Sehr zeitnah böse auch die Lieder „Der Staatsbeamte“ und „Zu Hause ist der Tod“, die Kreisler 1979 herausbrachte („Mit dem Rücken gegen die Wand“). Hier und da mixte Willnauer unter die Kreisler-Lieder ein paar eigene Chansons, die stilistisch dicht am Vorbild sind.
Willnauer singt selbstverständlich etwas anders als Kreisler. Seine Stimme hat ein dunkleres Timbre, hier und da scheint er auch etwas Angst vor höheren Lagen zu haben, die Kreisler beherrschte. Manchmal hätte man sich auch eine größere Lockerheit gewünscht –Kreislers Texte hatten zwar fast immer einen ernsten Hintergrund, aber der öffnete sich häufig erst dann, wenn man zuvor ausgiebig gelacht oder wenigstens herzlich geschmunzelt hatte. Im manchmal etwas zu lauten Klavierspiel ist Willnauer ausgesprochen flüssig und treffsicher, auch wenn er nicht die virtuose pianistische Leichtigkeit seines Vorbilds besitzt.
In der Zugabe „Schatzi-Mausi“, einem eigenen Lied, zeigte Willnauer noch einmal auf sehr vergnügliche Weise an 48 Kosenamen, dass er in puncto Zungenfertigkeit Kreisler nahekommt. Was die Applaus­freudigkeit des Publikums noch erheblich steigerte.
Michael Schäfer
Programm aus dem Stegreif (Göttinger Tageblatt Juli 2015)
Zitterbart spielt Liszt, Beethoven und Schubert
Was tun, wenn die Solistin des Abends ausfällt? Ganz einfach: Da springt der Veranstalter ein und spielt selbst. So geschehen am Freitag, als Wettbewerbssiegerin Lisa Wellisch im ICE festsaß und ihr Konzert im Claviersalon am Stumpfebiel absagen musste.
Gerrit Zitterbart, Pianist und Hausherr, hatte erst vier Stunden vor Konzertbeginn von der Panne erfahren. Im Nu entwarf er ein Ersatzprogramm aus seinem Repertoire und überließ dem Publikum die Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen. Fast alle blieben – und erlebten einen spannenden Klavierabend mit Musik von Beethoven, Liszt und Schubert.
Spannend war der Abend nicht nur des souveränen Pianisten wegen, der diese Werke virtuos, stilsicher und mit fein ausgefeiltem Ausdruck gestaltete. Auch die ungewöhnlichen Klangfarben der von ihm ausgewählten historischen Instrumente ließen immer wieder aufhorchen. So spielte Zitterbart die Sonate e-Moll op. 90 von Ludwig van Beethoven an einem Hammerflügel, der um 1820 gebaut worden ist, also zur Entstehungszeit der Sonate. Dessen Klang ist ungleich schlanker als beim modernen Flügel – ohne dröhnende Bässe, mit Tönen, die in vergleichsweise kurzer Zeit verstummen. Der Diskant klingt wunderbar zart. Allerdings haben es Melodien in hoher Lage nicht eben leicht, sich gegen eine bewegte Begleitfigur in der Mittellage durchzusetzen. Da muss man manchmal eben ein wenig hinhören.
An einem Erard-Flügel von 1880 stellte Zitterbart anschließend eine Auswahl von Klavierstücken Liszts vor mit Schwerpunkt auf den skizzenhaften, harmonisch ausgesprochen kühnen Spätwerken („Nuages gris“, „Unstern“). Hier konnte sich die kultivierte Klanggewalt der tiefen Lagen des Erard-Flügels prächtig entfalten – eine ganz andere Tonwelt als die der Beethoven-Sonate.
Schuberts späte B-Dur-Sonate aus dem Jahr 1828 bildete das Finale, nun wieder am Hammerflügel von 1820. Dieses Instrument verfügt über besonders differenzierte Möglichkeiten der Tondämpfung. Damit demonstrierte Zitterbart beispielsweise im Kopfsatz die charakteristische Bass-Trillerfigur, für die Schubert ein am modernen Instrument kaum mögliches Pianissimo vorschreibt, sehr eindrucksvoll: ein ganz fernes Grollen, geheimnisvoll, bedrohlich. Perfekt. Begeisterter Beifall.
Michael Schäfer
Romantische Träumereien auf dem Taschenklavier
(Göttinger Kulturkalender August 2015)
Wie ein Taschenklavier sieht er wahrlich nicht aus. Der kleine Flügel in Gerrit Zitterbarts Sammlung historischer Tasteninstrumente glänzt wie eine kostbare Antiquität. Aber sein Erbauer Robert Wornum nannte ihn nun mal „pocket piano“.Vielleicht dachte er um 1845 auch an die Atmosphäre von musikalischen Salons, in denen sich sein samtig wärmender Klang wunderbar entfalten würde.
Für diesen Abend in seinem Clavier-Salon stimmt Gerrit Zitterbart das Publikum auch gern auf ein romantisch anmutendes Tableau ein, wenn er nun das Bild von englischen Landhäusern entwirft, in denen die Lady ihre Gäste mit den romantischen Kompositionen unterhielt, die gerade kursierten. Da darf auch eine charmante Anspielung auf den Titel des Abends „A Ladies’ Diary“ nicht fehlen. Auch wenn es dabei um ein Markenzeichen für modische Accessoires handelt, die die Damenwelt in dieser Zeit entzückten, für Zitterbart passt Wornums „Pocket Piano“ einfach wunderbar in dieses Umfeld der Ladies Diaries und natürlich auch in seine musikalische Reise durch das romantische Zeitalter.
Es kommt dabei auch gleich zu Entdeckungen mit drei musikalischen Skizzen von John Field, der dafür um 1812 den Begriff „Nocturne“ erfunden hatte, den später Frédéric Chopin für viele seiner Kompositionen übernahm. Auch die „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn- Bartholdy haben ihre romantische Vorgeschichte, die Zitterbart seinen Zuhörern mit einer beschwingenden Momentaufnahme von Delphine von Schauroth entdeckt und dabei auf ein nicht nur musikalisches Beziehungsgeflecht verweist. Dass Mendelssohn die Pianistin und Komponistin sehnsüchtig umschwärmte, als er ihr sein Gondellied widmete. Und dass seine Schwester Fanny Hensel diese Form der musikalischen Widmung ebenfalls schätzte, die auf Wornums Taschenklavier ihren romantischen Zauber entfaltet.
Auch bei Robert Schumann und seinen musikalischen Präziosen für Klavier verweilt der Musiker auf seiner Klangreise mit den Stimmen der Romantik. Wie geschaffen für die Novellen aus dem Album der Jugend und aus Schumanns Kinderszenen klingt auch hier der Flügel, dessen warme dunkle Erdung vor allem mit zarten melodischen Variationen harmoniert und weniger mit dramatischen Motiven. Das hat Zitterbart auch bei den Werken von Chopin bedacht, mit denen sich leicht ein pianistisches Feuerwerk entzünden ließe. An seinem Wornum dürfen Préludes und Walzer auch als sentimentale moments musicaux bewegen und eine melancholische Färbung annehmen. Wenn sie sich nun in romantische Träumereien verwandeln, die sanft beschwingen und bezaubern.
Schubertiade
(Göttinger Tageblatt August 2015)
Das Spätwerk von Komponisten ist technisch und emotional oft besonders anspruchsvoll und eine Herausforderung für junge Interpreten. Am Donnerstag stand im Clavier-Salon von Gerrit Zitterbart eine „Schubertiade“ mit Klavierwerken aus dem Spätwerk von Franz Schubert (1797–1828) auf dem Programm. In der intimen Atmosphäre des kleinen Raumes mit den historischen Flügeln spielten drei seiner Studentinnen, die er in Hannover unterrichtet – allesamt junge Musikerinnen, die bereits international Preise auf Wettbewerben gewonnen haben.
Aus der inneren Versenkung heraus lotete Alvyda Zdanevičiūtė in Schuberts Sonate a-Moll D 784 (1822) unterschiedliche Stimmungen zwischen fröhlicher Melancholie und aufwühlendem Affekt aus. Die 22-Jährige aus Litauen wählte sich ein Werk, das angenehm reduziert wirkt und auf blendende Effekte weitgehend verzichtet. Die Pianistin begeisterte auf dem modernen Flügel aus dem Jahre 1898 mit dem zarten Wechselspiel der Gefühle, erstaunlich reifem Ausdruck und sehr musikalischem Spiel.
Einen charmanten Kontrast zeigte Gi Ran Jung am gleichen Instrument. Ihre Interpretation von Schuberts drei Klavierstücken D 946 (1828) war von einer hellen Klarheit im Klang durchzogen. Ihre Töne leuchteten. Mit Gespür für Nuancen spielte sie mal kraftvoll und mal verträumt. Die 25-jährige Koreanerin erspürte in diesen, nach dem Tod des Komponisten herausgegebenen Stücken das Geheimnisvolle in den Harmonien und Melodien.
Nach der Pause begab Ju Hyeon Lee sich auf eine Zeitreise. Am historischen Flügel, der etwa 1825 in Wien gebaut wurde, entführte sie in die authentische Klangwelt von Schuberts Zeit. Das Instrument klingt dezenter – bietet dafür aber eine Faszination des Zarten. Die Koreanerin wählte sich mit der großen Sonate A-Dur D 959 (1828) eines der größten Klavierwerke des Wiener Frühromantikers. Mit langem Atem ging die 25-Jährige das Werk an, spielte vielfältig im Ausdruck und setzte eigene Akzente. Ihre beeindruckende Interpretation des phantasievollen Werkes wirkte wie ein psychologisches Porträt Schuberts, bei dem viele Facetten seiner komplexen Persönlichkeit erklangen.
Eines bewies dieser Abend: Auch junge Interpretinnen meistern überzeugend das anspruchsvolle Spätwerk eines Komponisten. Dafür bekamen die drei Pianistinnen im ausverkauften Salon reichlich Applaus.
Udo Hinz
 
Herzlicher Abschiedsgruß
Doppel-Klavierabend im Clavier-Salon: Caroline Oltmanns und Christoph Müller
(Göttinger Tageblatt August 2015)
Was für eine Tragik: Der an Schizophrenie erkrankte Robert Schumann schrieb in den wenigen Stunden zwischen seinem missglückten Selbstmord und der Einweisung in eine geschlossene Anstalt seine „Geistervariationen“. Dieses erst 1994 veröffentliche und selten gespielte Werk war das Zentrum beim Doppel-Klavierabend am Mittwoch im ausverkauften Clavier Salon mit Caroline Oltmanns und Christoph Müller. Konzept des Abends: Schumann trifft Ravel.
Schumanns„Geistervariationen“ wirken bei Oltmanns wie ein Lichtstrahl, der aus düsteren Wolken leuchtet. Hingebungsvoll spielt sie das hymnische Thema und verleiht ihm Glanz und Größe. Die darauf folgenden Variationen umspielen das Thema und werden immer komplexer. Das Werk endet im Original aufgewühlt und unvollendet. Die 53-jährige aus Fürth stammende und in den USA lebende Pianistin rundet es dagegen ab und wiederholt das schöne Eingangsthema. Damit verändert sie die Wirkung des Werkes entscheidend, doch der Schluss erscheint wie ein herzlicher Abschiedsgruß an den Komponisten.
Müller – Neffe der Pianistin – stellt dem Romantiker Schumann den Impressionisten Maurice Ravel gegenüber. Meisterhaft interpretiert der 23-Jährige dessen atmosphärisches Werk„Miroirs“. Mystisch lässt er Töne ineinander verschwimmen, spielt mit der Stille und brilliert fingerfertig bei den hellklingenden Ton-Wellen. Ravels Harmonik und Klangschichten wirken wie ein klingender Tagtraum, die Schönheit dieser geheimnisvollen Musik muss unterbewusst erspürt werden. Der typische warme Klang des Bösendorfer-Flügels kommt dem Spiel Müllers entgegen. Als weiteres Werk von Ravel wählt er „Le Tombeau de Couperin“ – also eine Hommage an den französischen Barockkomponisten Francois Couperin. Dieses Werk geht der junge Pianist zurückhaltend an, um es final furios zu steigern.
Oltmanns beendet das großartige und vom Publikum gefeierte Konzert mit dem berühmten Carnaval Opus 9 von Schumann. Die zwanzig Miniaturen sollten pausen- und atemlos durchgespielt werden. Die Pianistin bündelt sie dagegen zu fünf Gruppen, was hilfreich ist, um den Zyklus besser zu verfolgen. Die Interpretin moderiert das Werk als „riesengroße Party“ an und geht es entsprechend schwungvoll an. Sie betont die verspielten Facetten, intoniert mal hart und scharf oder introvertiert. So gibt sie jeder Szene einen eigenen Charakter. Innovativ geht sie mit dem Satz „Sphinxes“ um: Wo der Komponist „Stumme Notation“ vorgibt, füllt sie die Stille überzeugend mit einer dafür geschriebenen modernen Komposition.
Mit „Carnaval“schloss Oltmanns einen tragischen, ja mysteriösen Kreis zu den„Geistervariationen“: Der versuchte Selbstmord Schumanns geschah in Düsseldorf an einem Rosenmontag inmitten des rheinischen Karnevals.
Udo Hinz
   
Königliches Bimbam
(Göttinger Tageblatt Dezember 2015)
Dem Ernst des Abends entsprechend betrat der Solist in Frack und Zylinder den Saal und eröffnete den Piècen-Reigen mit Bachs C-Dur-Präludium. Dem folgte das meisterliche Arrangement dieses Stückes in Gestalt von Charles Gounods „Ave Maria“ – in angemessen gefühlstrunkener Interpretation. Nicht minder meisterlich und bis in die filigransten Zweiunddreißigstel-Verästelungen hinein virtuos war Zitterbarts Vortrag des musikalischen Juwels von Paul de Senneville, dessen Schöpfer sich gern im Schatten seines berühmtesten Interpreten Richard Clayderman verbirgt.
Eine solche „Ballade pour Adeline“ hört man nicht alle Tage. Musikwissenschaftlich aufschlussreich waren Zitterbarts Erläuterungen zu Mozarts fein dahingewischtem Klavierstück „Das Butterbrot“, anrührend die hingebungsvoll fromme Darstellung von Badarzewskas „Gebet einer Jungfrau“. Seiner durchdachten Vorab-Analyse („Ein Gebet ist, wenn man immer etwas wiederholt“) verhalf er mit seinem luziden Spiel zu stillem Leuchten.
Zu erwähnen bleibt noch Dudley Moores Colonel-Bogey-Marsch in einer bestechend beetho­venesken Färbung, der bemerkenswerterweise nicht im Dreiertakt stehenden Walzer von F. Loh, der nur durch einen Lesefehler mit dem Spottnamen „Flohwalzer“ bedacht wurde – und vor allem die parodistischen Zyklen über „Ach du lieber Augustin“ von Manfred Gurlitt und last but not least über „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?“ von Karl Hermann Pillney.
Das war pianistisch schwere Kost, mitzuerleben beispielsweise an des Solisten sorgenvoll zerfurchtem Mienenspiel angesichts der herben Regerschen Chromatik. Hingerissen klatschten die Zuhörer und bekamen zum Dank noch etwas Stille von Cage und „Die Abendglocken“ von Georg V. von Hannover: ein wahrhaft königliches Bimbam.
Michael Schäfer