Göttinger Tageblatt Dezember 2014

Schmunzler und Lacher

Pianist Gerrit Zitterbart mit Musik-Kabarett im Clavier-Salon
„Lauter Unsinn“ im Clavier-Salon hat Gerrit Zitterbart nicht geliefert. Unter dem Etikett Unsinn machte er vor ausverkauftem Haus mit 60 Plätzen eine musikalische Reise durch Raum und Zeit mit einer ehrenvollen Verulkung ihrer wirklichen Größen. Dabei bewegte er sich tasten- und wortgewandt durch die Musikrichtungen von Bach bis Gershwin.
Als hätte er Mitspieler im Publikum, kam das Stichwort: Man fängt an mit einem Präludium an, danach muss die Fuge folgen. Das Präludium C-Dur und die Fuge c-Moll lieferte Zitterbart wunschgemäß. Schnell folgte die nicht unkomplizierte Mazurka von Klavierpädagoge und Brahms-Freund Theodor Leschitzky. Danach unterhielten sich bei diesem Komponisten zwei Lerchen im Stil der Kaffeehausmusik. Für Zez Confreys Piano-Sketch auf eine Symphonie von Tschaikowsky erntete Zitterbart Schmunzler und Lacher. „So klingt es, wenn ein Amerikaner einen Russen kopiert“, setzte er als kleine Spitze obenauf.
Dass Plagiate früher schon Thema waren, bewies sein Programm in voller Güte. Auch Süßholzraspeln sei manchmal notwendig. Und doch: Die Starsopranistin Cecilia Bartoli hatte Zitterbart nicht gewinnen können. Er war es, der den Applaus einheimste.
Bis in den Jazz führte Zitterbart seine Zuhörer nach der Pause. Bei allen Komponisten der ernsten Musik klinge der Jazz viel moderner, beschrieb er. Als einen der ersten französischen Komponisten, die ein Stück spielerisch unter dem Einfluss der Marching Bands komponierten, nannte er Claude Debussy mit seinem Stück „The little negroe“.
„Eigentlich habe ich meinen Beruf verfehlt“, sagte Zitterbart. Immer habe er Musiker beneidet, die zum Tanztee aufspielten. Sie müssten nicht so viel reisen wie er. Mit dem Clavier-Salon habe er nun seinen Kompromiss gefunden. Für seine Frau spielte er „Tune für Mademoiselle“ von Zez Confrey und brillierte zum Schluss mit dessen „Dizzy Fingers“. Ein Glanzlicht hatte Zitterbart sich aber für die Zugabe aufgehoben – mit der höchst anspruchsvollen Parodie einer Beethoven-Sonate von Dudley Moore. Auch für diese Wahl und den zugespitzten Vortrag erntete der Klavierunterhalter viele Lacher und begeisterten Applaus.
Ute Lawrenz

Göttinger Tageblatt November 2014

Brahms und die Frauen

Hier das Genie, dort der Mensch – das Verhältnis von Komponisten zu Frauen ist ein beliebtes Thema des populären Musikschrifttums. In besonderem Maße ziehen Musiker, die ihr Leben lang Junggesellen geblieben sind, die Aufmerksamkeit auf sich.
Die Göttingerinnen Carmen Barann und Petra Pape haben die Biografie von Johannes Brahms (1833-1897) untersucht, in dessen Leben Frauen eine bedeutende Rolle gespielt haben, auch wenn er nie verheiratet war. Dazu haben sie vor allem die reichlich vorhandenen Briefwechsel durchforstet, dazu Tagebücher und andere Quellen, anhand derer sie einen Blick in Brahms’ Gefühlsleben wagten.
Sie kombinierten dies mit einschlägiger Musik, vorgetragen von der Pianistin Marina Baranova. Anfangs beschränkte sie sich auf sanft plätscherndes Stimmungs-Klavierspiel. Das änderte sich in der zweiten Hälfte des Abends, als in zwei Paganini-Variationen von Brahms endlich auch pianistische Konturen zutage traten.
Den perfekt passenden Rahmen für das „musikalisch-literarische Rondo in drei Kapiteln“ bot Gerrit Zitterbarts Clavier-Salon. Die rund 30 Zuhörer erlebten einen Abend in familiärer Atmosphäre.
Die drei Frauen, die in Brahms’ Leben die wichtigsten weiblichen Rollen spielten, waren Clara Schumann, Agathe von Siebold und Elisabet von Herzogenberg. Clara, die Ehefrau Robert Schumanns, war 14 Jahre älter als der Komponist, Agathe, die 1835 geborene Göttinger Professorentochter, nahezu gleich alt, Elisabeth, die zeitweilige Brahms-Schülerin, 14 Jahre jünger als ihr Lehrer.
Die Angst des Komponisten vor einer festen Bindung („Aber Fesseln tragen kann ich nicht“) machten die klug gewählten Brief- und Tagebuchnotizen ebenso deutlich wie die Leidenschaft, mit der der Musiker für diese Frauen brannte. Ergänzt sei, dass es sich beim „Haus am Tor“, von dem Brahms schreibt, um das Accouchierhaus in der Kurzen Geismarstraße 1 handelt, heute die Heimstatt des Musikwissenschaftlichen Seminars.
Michael Schäfer

Göttinger Tageblatt August 2014

Facettenreich: Klavier- und Kammermusik von Wolfgang Amadeus Mozart im Clavier-Salon

Ein Mozartfest hatte Pianist Gerrit Zitterbart angekündigt – und viele kamen. Den Clavier-Salon jedenfalls füllten die Besucher am Sabend bis zum Bersten. Kein Wunder, hatte Zitterbart doch mit Elisabeth Kufferath (Violine und Viola) und Oliver Wille (Violine) zwei hochkarätige Musiker als Mitstreiter gewonnen. Ausschließlich Werke von Wolfgang Amadeus Mozart erklangen, und die drei Musiker warfen bezeichnende Schlaglichter auf dessen Klavier- und Kammermusik.
Mit dem Duo für Violine und Viola G-Dur KV 423 eröffneten Kufferath und Wille den Abend. Überaus tänzerisch und geschmeidig gestalteten sie die Ecksätze, ließen das Adagio in kantablem Schmelz erglänzen. Immer wieder begeisterten dabei die rhythmische Feinabstimmung und genaue Klangbalance, mit der die Musiker zu Werke gingen. So war dieses Meisterwerk aus Mozarts Salzburger Zeit das erste, das an diesem Abend brausenden Applaus bekam.
Stets ruft ein Werk in Moll die Mozart-Biographen auf den Plan: Warum gerade hier das düstere, bei Mozart so seltene Moll? Zitterbart hatte mit den großen Fantasien für Klavier in d-Moll und c-Moll gleich zwei dieser Werke aufs Programm gesetzt. Souverän spielte er auf der Klaviatur der Gefühle, mischte geschickt Licht und Schatten, dunkles Drohen und zarte Verklärung. Besonders in der c-Moll-Fantasie KV 475 traten die Themen ungemein plastisch und lebendig hervor: Das Ergebnis kluger Agogik und eines Klangsinns, der das Spektrum des Flügels nach Anton Walter (1795) voll ausschöpft.
Die Sonate für Violine und Klavier in A-Dur KV 526 gilt als Mozarts reifster Beitrag zur Gattung der Duosonate. Hier zeigten sich Kufferath und Zitterbart auf der Höhe des Duospiels. Schon der Einstieg („Molto allegro“) gelang schwungvoll und mit Esprit. Zum Andante steuerte Kufferath schöne Kantilenen bei, während die Musiker im Finale („Presto“) einen virtuosen Funkenflug entfachten. Gewisse Moll-Eintrübungen gab es übrigens in diesem Stück ebenso wie im abschließenden Kegelstatt-Trio Es-Dur KV 498 (mit der Violine anstelle der Klarinette). Ein wunderbarer Konzertabend, der Mozarts Musik in vielen Facetten leuchten ließ.
Matthias Körber

 Göttinger Kulturkalender  August 2014        

„Das klingende Museum“ im Clavier-Salon mit Gerrit Zitterbart

Es ist ein einzigartiges Museum in Deutschland – der Clavier-Salon von Gerrit Zitterbart in Göttingen. Sieben Klaviere aus unterschiedlichen Epochen sind nicht nur ein Zeugnis des Instrumentenbaus, sondern auch Zeitzeugen der Musikgeschichte. Am ersten Abend der neuen Serie „Das klingende Museum“ wählte Zitterbart Kompositionen von Carl Philipp Emanuel Bach bis Maurice Ravel aus.
Alle sieben Instrumente kamen zum Einsatz. Deshalb empfing der Salon seine Besucher mit dem gewaltigen Anblick der sieben geöffneten Instrumente.
Der Museumsleiter ist zum Glück auch der Führer durch die Ausstellung. Gekonnt stellt der Pianist Gerrit Zitterbart seine Instrumente vor, erläutert die Unterschiede und die jeweiligen Besonderheiten der einzelnen Klaviere, wie zum Beispiel die vier Pedale des Flügels von 1825. Zwei weitere wurden bei der Restaurierung ausgebaut: ein Pedal für eine Art Trommel und ein Pedal für eine Glocke. Für beides gibt es keine Literatur, so dass eine Restaurierung dieser Mechanik nicht sinnvoll war.
Die Literatur hat Zitterbart so ausgewählt, dass man sich die Komponisten gut genau an diesem jeweiligen Instrument vorstellen konnte. Und die passenden Geschichten zu den Kompositionen wurden gleich mitgeliefert: klang nicht dieser Carl Philipp Emanuel Bach ein wenig nach Mozart? Ja, denn das Thema von „La Boehmer“ verwendete Mozart in einem Pasticcio-Klavierkonzert.
„Stellen Sie sich vor, wie der reife Beethoven an diesem Instrument seine frühe Sonate F-Dur op. 10.2 spielt“, erläuterte Zitterbart und verschwand in der Ecke hinter dem Instrument aus dem Jahr 1815. Von dort spielte er den jungen Beethoven so frisch und luftig, dass man den Schwierigkeitsgrad dieser Musik nur erahnen kann.
Das setzt sich mit den Werken von Franz Schubert, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Johannes Brahms, Franz Liszt (großartig die Interpretation vom „Unstern“) und Maurice Ravel fort.
Man darf sich auf zahlreiche weitere Museumsabende freuen, die so gar nichts Museales an sich haben, sondern die Musikgeschichte ganz wunderbar lebendig machen.
Jens Wortmann

Göttinger Tageblatt August 2014

Diagnose: Meisterschaft

Pianistin Maria Yulin spielt im Clavier-Salon Beethoven, Brahms, Debussy und Ravel

Ein Programm wie ein Rorschach-Bild: In der Mitte, links und rechts entlang der Spiegelachse, in diesem Fall der Pause, je ein Werk des französischen Impressionismus. Und außen Sonaten der deutschen Klassik und Romantik, eine links, eine rechts. Die israelische Pianistin Maria Yulin stellte am Dienstag im Clavier-Salon einem guten Dutzend Zuhörern ein ausgefeiltes Programm vor und spielte virtuos mit Spiegelungen und Brechungen aller Art.
Mit Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 30 in E-Dur eröffnete die 26jährige Pianistin den Abend. Das Werk gehört zum Trias der letzten drei Klaviersonaten Beethovens. Bemerkenswert ist der dritte Satz mit seiner ausgedehnten Folge von Variationen. „Gesangvoll, mit innigster Empfindung“ sind diese vorzutragen, und Maria Yulin beherzigte dies aufs Schönste: Mit poetischem Anschlag und feiner Modulation ließ sie die Melodie zunächst hinschreiten, steigerte sie bravourös zu polyphoner Dichte und pathetischem Ernst.
Gegen den Begriff des musikalischen Impressionismus hat sich Claude Debussy zeitlebens verwahrt. Und hat ihn doch selbst mit Werken wie den „Images“ („Bildern“) geprägt. Atmosphäre, Bewegung, das Flirren des Lichts sind hier alles. Yulin spielte die drei Stücke des ersten Hefts und schickte in ausufernden Glissandi die Lichtreflektionen über die Wasseroberfläche („Reflets dans i’eau“). Seine Entsprechung fand dieses Stück in den „Miroirs“ („Spiegelbildern“) von Maurice Ravel. Hier wurde die „Barke auf dem Ozean“ („Une barque sur l’océan“) von wogenden Arpeggien umspült. Auch die anderen Sätze der „Miroirs“ gerieten Yulin zu kleinen Kabinettstücken.
Die frühe Sonate Nr. 2 in fis-Moll von Johannes Brahms beschloss den Abend. Wieder bestach die Pianistin mit ihrem Elan (im ersten Satz), ihrer souveränen Technik, ihrer Hingabe. Für den begeisterten Applaus bedankte Yulin sich mit einer Prokofjew-Zugabe, die die Saiten des Steinweg-Flügels zum Glühen brachte.
Der Rorschach-Test ist bekanntlich ein Mittel der Diagnostik. Im Fall von Maria Yulin lautet die Diagnose: Meisterschaft im fortgeschrittenen Stadium.
Matthias Körber

Göttinger Tageblatt Mai 2014

Filigraner Reiz der Melodielinie

Als Franz Schubert 1823 seinen Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ komponierte, gab es noch keinen Steinway. Die Klangfülle solcher Konzertflügel hatte Schubert also keinesfalls vor Ohren, als er den Klavierpart dieser Lieder schuf. Deshalb ist es ausgesprochen erhellend und sinnvoll, der Singstimme ein „zeitgenössisches“ Instrument zur Seite zu stellen.
Das tat der Pianist Gerrit Zitterbart in seinem Claviersalon, als er zusammen mit dem Sänger Henryk Böhm„Die schöne Müllerin“ vor fast ausverkauftem Auditorium präsentierte. Er spielte den Klavierpart auf einem Hammerflügel von Conrad Graf, der 1819 – also vier Jahre vor dem Liederzyklus – in Wien entstand. Viel heller ist der Klang im Vergleich zum heutigen Flügel, durchsichtiger, etwas härter, dennoch im Fortissimo nie brutal und auch in tiefen Lagen stets transparent.
So konnte sich der filigrane Reiz der Schubertschen Melodielinien und der bisweilen geradezu kecke rhythmische Impuls unter Zitterbarts souverän-sensiblem Zugriff wunderbar entfalten. Das ergab eine perfekte Partnerschaft mit Henryk Böhms edel-schlankem Bariton. Er sang die Lieder mit bemerkenswerter Schmiegsamkeit, interpretierte die Texte mit reich abgestuftem Ausdruck, ohne in irgendwelche Manierismen zu verfallen: gefühlvoll und bewegend, aber unsentimental. Seine Stimme besitzt einen warmen Glanz in der Höhe und viel Substanz in der Tiefe, sie hat Schmelz und ist auch im Piano immer völlig präsent
Das machte den Abend zu einem intensiven Erlebnis, der Spannungsbogen reichte vom ersten bis zum letzten Lied, ohne nachzulassen. Zusätzlich umrahmte Böhm den Zyklus mit zwei gesprochenen, von Schubert nicht vertonten Gedichten des Textdichters Wilhelm Müller, einem Prolog und einem Epilog, vergleichbar mit dem Aufziehen und Schließen eines Vorhangs. Eine hübsche Idee. Und neben dem Genuss gewannen die Zuhörer zugleich einen eindrucksvollen Einblick in die Geschichte des Klavierklanges. Dementsprechend begeistert war der Beifall sowohl für den Sänger als auch für seinen Partner am historischen Flügel.
Michael Schäfer

Göttinger Kulturkalender Mai 2014

Das Rauschen ist des Bächleins Lust

Gerrit Zitterbart, Henryk Böhm und die schöne Müllerin

Zwei Jahre später vertonte Franz Schubert, bekanntermaßen ein Fan von Geschichten unerwiderter oder tragisch endender Liebe, 20 der 25 Gedichte über den verliebten Müllergesellen und sorgte somit wohl zum großen Teil dafür, dass diese auch heute noch bekannt sind.
Am Donnerstagabend durfte sich das Publikum des Clavier-Salons 75 Minuten lang an diesem Meilenstein der romantischen Liedergeschichte berauschen.
„Berauschen" scheint ein übertriebenes Wort angesichts der übersichtlichen Mittel, die dieser Zyklus bei seiner Aufführung verlangt: Ein Klavier (in diesem Fall ein Hammerklavier von 1819), einen Pianisten (Gerrit Zitterbart) und einen Sänger (Henryk Böhm). Was man aber aus Klavier und Stimme herausholen kann, welche Ausdrucksvielfalt in der Schubertschen Komposition liegt, das macht den Zauber dieses Liedgutes aus, der – auch angesichts des sehr gut besuchten Saales – bis heute nicht gebrochen ist.
Äußerst abwechslungsreich präsentieren Zitterbart und Böhm die Musik – mal in glückstaumelndem Strahlen und Fortefortissimo, mal grenzenlos niedergedrückt, ritardierend, Hoffnung suchend, aber nicht findend; sogar unter die Wasseroberfläche, wo die Nixen „tief unten" singen, lässt Zitterbart seine Zuhörer im Stück „Wohin?" gleiten, einfach indem er die entsprechende Stelle mit Pedal spielt.
Und gleich im ersten Lied, „Das Wandern", zeigt der Pianist, wie man auf einem Klavier in jede der fünf Strophen eine neue, zum Text passende Idee einbringen kann: Fröhlich stimmt der Wandergeselle sein Loblied aufs Laufen an („Das Wandern ist des Müllers Lust"), beschwingt begleitet vom Klavier. Die zweite Strophe besingt das Wasser des Mühlbachs – schon plätschert die Oberstimme des Klaviers wellenförmig durch ihre 32stel. Den Mühlrädern der dritten Strophe gibt Zitterbart mit einem schwingenden, kreisenden Rhythmus der 16tel in der Unterstimme ein Gesicht, während dieselben Noten in der vierten Strophe die schweren Steine beschreiben – rumpelnd und plump. In der letzten Strophe besingt der Müllergeselle abermals seine Wanderschaft, die er nun fortführen muss – und schon geben wieder die voran treibenden 32stel der Oberstimme den Ton an.
Die schubertsche Melodienraffinesse findet man sowohl in einem solchen, recht einfachen Lied als auch in „Der Müller und der Bach", ein Stück, dass voll überraschender, geradezu abstrakter Harmonien steckt, und das jemand, der es zum ersten Mal hört, unmöglich im Kopf „weiterkomponieren" kann.
In Liedern wie dem „Tränenregen" zeigt sich dann, wie Schubert die eigene Empfindsamkeit immer wieder ironisch bricht: Der Müllergeselle singt wortgewaltig über das Erlebnis mit seiner Liebsten abends gemeinsam am Bach zu sitzen – als er aber, von seinen Gefühlen überwältigt, die Tränen nicht zurück halten kann, sagt sie bloß: „Es kommt ein Regen, ade, ich geh´ nach Haus." Das hätte man alles zusammen recht verzagt und betrübt komponieren können, Schubert aber wechselt just am Ende, als sie sich verabschiedet, nach Dur. Soviel Unsensibilität der Dame macht die Situation des Müllergesellen noch tragischer als sie ohnehin schon ist.
Der Bariton Henryk Böhm – Ensemblemitglied des Staatstheaters Braunschweig und seit 2013 Professor für Gesang an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover – bringt in seinem Vortrag der schubertschen Komposition ebenso wie der müllerschen Dichtung seine Aufmerksamkeit entgegen. Mit hervorragender Verständlichkeit und angenehm unaufdringlichem Vibrato schlüpft er im gesamten Liederzyklus immer wieder in verschiedene Rollen; er rezitiert auch zu Beginn und als Abschluss des musikalischen Beitrages den Prolog und Epilog des Dichters, der den Gedichtzyklus von Müller rahmt.
Das letzte Stück, „Des Baches Wiegenlied", ist ein Highlight des Abends, und auch wenn es in der Natur der Sache liegt, dass man einen Schubertabend nicht unbedingt glückselig verlassen kann, so befindet man sich auf dem Nachhauseweg doch in stiller Freude darüber, bei einer so detailreichen Aufführung dabei gewesen zu sein.
Dajana Zehler

Göttinger Tageblatt März 2014

Frühe Meisterschaft

Hochvirtuos: Pianistin Magdalena Müllerperth im Clavier-Salon

Junge Talente und aufstrebende Newcomer sind regelmäßig zu hören in einer Konzertreihe, die Gerrit Zitterbart speziell für „junge internationale Preisträger“ am Klavier eingerichtet hat. Was die Besucher des Clavier-Salons am Donnerstag erlebten, war jedoch eindeutig ein Fall früher Meisterschaft: Magdalena Müllerperth stellte ein ebenso anspruchsvolles wie breit gefächertes Programm vor und begeisterte durch ihre profunde Virtuosität und Ausdruckskraft.
Ludwig van Beethovens „Pathétique“ stand programmatisch am Anfang des Konzerts: Stets griff die Pianistin in die oberste Schublade, zu den bedeutenden Werken der Komponisten. Ihre Technik und virtuose Brillanz legitimierte dieses Vorgehen dabei voll und ganz. So legte sie die „Pathétique“ mit begeisterndem Schwung und einer Verve hin, die schlichtweg Staunen machte: Es war begeisternd zu erleben, welche Seelenkräfte sie mobilisierte für dieses Werk, das doch ganz Aufschrei und Ausdruck ist.
Ganz wie Beethoven bricht auch Alban Berg mit der Konvention: Mit seiner Klaviersonate war nach der Pause der Schritt ins 20. Jahrhundert vollzogen und ein Bezirk des Fantastischen und Artistischen erreicht. Denn die Tonart ­h-Moll postuliert Berg nur noch pro Forma. Sie wird unterspült von einer Flut chromatischer Skalen und Akkorde. Technisch perfekt und aus einem inwendig glühenden Gefühlskern heraus gestaltete Müllerperth dieses Werk. Ein graziler Drahtseilakt in den höchsten Höhen des Diskant dagegen das Stück „Jeux d’eau“von Maurice Ravel. Für Igor Stravinskys dreisätzigen Suite aus „Petruschka“ bot die 25-Jährige schließlich ein Maximum an Motorik und stählerner Härte auf.
Nach diesem Kraftakt vermeinte man, das Instrument rauchen zu sehen. Doch der 1898 von Theodor Steinweg gebaute Flügel war durchaus noch zu Lyrik und Poesie gestimmt: Müllerperth bedankte sich für den enthusiastischen Applaus mit der Liszt-Bearbeitung von Franz Schuberts „Ständchen“.
Zuvor hatte sie auch in Werken von Frédéric Chopin (Scherzi in E-Dur und b-Moll) sowie Felix Mendelssohn Bartholdy („Variations sérieuses“ d-Moll) brilliert: Ein hinreißendes Konzert, das mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.
Matthias Körber

Göttinger Kulturkalender Januar 2014